Mit „There Will Be Blood“ gelingt Paul Thomas Anderson ein erdrückender, handwerklich perfekter Film, der nur geringe inhaltliche Schwächen aufweist.
Mit „There Will Be Blood“ gelingt Paul Thomas Anderson ein erdrückender, handwerklich perfekter Film, der nur geringe inhaltliche Schwächen aufweist.

Daniel Plainview : Daniel Day-Lewis
Paul Dano : Paul Sunday/Eli Sunday
Ciarán Hinds : Fletcher Hamilton
David Willis : Abel Sunday

Directed and written for the screen by Paul Thomas Anderson; cinematography by Robert Elswit; edited by Dylan Tichenor; original music by Jonny Greenwood; production designed by Jack Fisk

VON DENNIS EBERT

Wir sehen einen mit Dreck und Schweiß verschmierter Mann in einem Bohrloch suchend. Wonach ist nicht direkt erkennbar. Er stößt auf Öl. Er gräbt tiefer und tiefer und selbst ein gebrochenes Bein, das er sich bei einem Sturz zugezogen hat, hält ihn nicht ab weiterzumachen. Er ist ein Besessener, sein Name ist Daniel Plainview.

Wir springen einige Jahre vorwärts. Plainview ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, oder „Ölmann“ wie er sich selbst bezeichnet, geworden und erhält den Tipp, dass sich in einem kleinen Örtchen in Kalifornien große Ölvorkommen leicht zugänglich direkt unter der Erdoberfläche befinden sollen. Angeführt wird die Gemeinde von Eli Sunday, einem Prediger mit ähnlich fanatischen Zügen, den seine ganz eigenen Dämonen antreiben. Zwischen Plainview und Sunday entflammt ein erbitterter Kampf um Macht, Öl, Geld und den Glauben der Menschen, während beide mehr und mehr in sich selbst zusammenfallen und völlig korrumpieren.

Das ist, kurz zusammengefasst, die Ausgangslage für Paul Thomas Andersons neuem Film „There Will Be Blood“ und man kann ohne Zweifel sehen, warum etwa fünf Jahren zwischen diesem und seinem letzten liegen. Es scheint sich während des Drehbuchschreibens etwas von Plainview in ihm verwurzelt zu haben und das wird bereits in den ersten Szenen bemerkbar. Der 11-minütige, dialogfreie Einstieg stimmt einen mit erdrückenden Bildern und verstörenden musikalischen Klängen auf das Folgende ein, während Erinnerungen an Stanley Kubricks „2001: A Space Odyssey“ geweckt werden. Dieser Stil, der einem kaum Zeit zum Atmen gibt, zieht sich durch den ganzen Film und hat eine besondere Faszination, der man sich nur sehr schwer entziehen kann. Die Filmmusik fungiert hier fast schon als eigenständiger Charakter und es ist durchaus vorstellbar, dass „There Will Be Blood“ auch als Stummfilm funktionieren könnte.

Anderson, der bisher immer nur seine eigenen Ideen zu Papier brachte, hat nun zum ersten Mal fremdes Material adaptiert und darin liegt eine der kleinen Schwächen des Films. Die Motive für Daniel Plainviews Art und Handeln werden nicht richtig klar. Warum hasst er alle anderen Menschen? Warum ist seine Gier nach Öl und Reichtum (scheinbar) größer als die Liebe zu seinem Sohn, der bei einem Bohrunfall sein Gehör verliert? Das sind existenzielle Fragen die im Film auf irgendeine Art beantwortet werden sollten um die Glaubhaftigkeit der Figur zu festigen. Dabei verkörpert der großartige Daniel Day-Lewis Plainview mit so einer Intensität, dass diese Schwachstellen zwar in den Hintergrund rücken, aber doch nicht ganz verschwinden. In einer Szene, in der Plainview genötigt wird einzugestehen ein Sünder zu sein, lässt Day-Lewis gekonnt minimalistisch durchblicken, dass in seiner Figur unter der steinharten Schale doch noch etwas Menschliches enthalten ist. Dennoch schützt es nicht davor, dass er im letzten Akt des Films doch mehr und mehr unwillkürlich zu einer übermenschlichen und unwirklichen Karikatur verkommt (die für mich von nun an auf ewig mit dem Wort „Milchshake“ verbunden sein wird). Es ist zwar eine große Freude zu sehen, wie fabelhaft und mit wie viel Begeisterung Day-Lewis diesen Charakter spielt, das ganze geschieht aber auf Kosten der Authentizität des Stoffes.

Wenn wir von großen Schauspielleistungen reden, muss auch Paul Dano erwähnt werden. Als Eli Sunday behält er selbst neben dem übergroßen Day-Lewis seine Präsenz und bildet einen effektiven Gegenspieler zu Plainviews Machenschaften. Es ist wunderbar zu beobachten wie sich beide gegenseitig ausspielen und mit völlig unterschiedlichen Mitteln versuchen, das gleiche Ziel für sich zu erreichen. Wer den Film gesehen hat, sollte es erstaunlich finden, dass man nicht auch Paul Dano für einen Oscar nominiert hat.

Abseits der kleinen Schwächen am Drehbuch gibt es von produktionstechnischer praktisch nichts zu bemängeln. Ausstattung und die Kameraarbeit von Robert Elswit sind berauschend und dessen Bilder der brennenden Öltürme bei Nacht und weiten Prärie werden mir noch lange im Gedächtnis verweilen. Jonny Greenwood Score hält den Zuschauer in konstanter Aufruhr und ist damit unterstützend funktional. Paul Thomas Anderson war nie ein Anhänger von falschen Kompromissen und treibt seine Crew und Schauspieler mit den richtigen Mitteln an um genau das zu bekommen, was er vor seinem geistigen Auge sieht. Letzen Endes scheint er jedoch ein wenig zu ambitioniert. Man hat das Gefühl, dass er viel mehr Material gedreht hat, als tatsächlich verwendet wurde. Es kommt die Frage auf, was alles so auf dem Boden des Schneideraums liegen geblieben ist, dass den Protagonisten insgesamt etwas runder und stichhaltiger hätte machen können. Etwas mehr Substanz anstelle von Brimborium hätte dem Film sicher gut getan. Aber es ist immer noch besser über das Ziel hinauszuschießen als auf Nummer sicher zu gehen und es gar nicht erst zu erreichen.