Casey Affleck und Brad Pitt brillieren im Psychoduell von Andrew Dominiks „The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford”.
Casey Affleck und Brad Pitt brillieren im Psychoduell von Andrew Dominiks „The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford”.

Jesse James : Brad Pitt
Robert Ford : Casey Affleck
Charley Ford : Sam Rockwell
Frank James : Sam Shepard
Dick Liddil : Paul Schneider
Ed Miller : Garret Dillahunt
Zee James : Mary-Louise Parker

Directed by Andrew Dominik; screenplay by Andrew Dominik; cinematography by Roger Deakins; edited by Curtiss Clayton & Dylan Tichenor; original music by Nick Cave & Warren Ellis

VON DENNIS EBERT

Wenn man Andrew Dominiks Film sieht, ist mal direkt an Clint Eastwoods Meisterwerk „Unforgiven“ erinnert. Beide sind ein Abgesang an eine aussterbende Spezies im Amerika des späten 19. Jahrhunderts: den gesetzlosen Revolverhelden welche im Land Angst und Schrecken verbreitet haben. Von der einstigen Ehrfurcht ist aber nichts mehr geblieben, sind sie doch eher nur noch ein öffentliches Ärgernis, welches die Staatsmacht lieber früh als spät aus dem Image eines modernen Amerikas verbannen möchte.

Den Zahn der Zeit erkennt Frank James (Sam Shepard) rechtzeitig genug und zieht sich nach einem letzten Postzugraub aus dem kriminellen Geschäft zurück. Sein jüngerer Bruder Jesse (Brad Pitt) will davon nichts wissen und genießt seinen durch die Boulevardpresse verbreiteten berüchtigten Ruhm. Einen seiner größten Bewunderer findet er in dem weltabgewandten Robert Ford (Casey Affleck), der schon in jungen Jahren Zeitungsausschnitte und andere Andenken von seinem Idol gesammelt hat. Mit Glück landet er in Jesse James Truppe, welcher von dem Übermaß an Bewunderung anfänglich abgeneigt scheint, aber dennoch dessen positiver Wirkung auf sein Ego nicht widerstehen kann. Während sich aufgrund des öffentlichen Drucks die Schlinge aus gegenseitigem Misstrauen und Verrat immer weiter zuzieht, wird der Filmtitel zum unausweichlichen Höhepunkt der Geschichte über das Ende einer Ära.

Die großen Stärken von „The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford“ liegen in der zweiten Hälfte des Films, der mit zunehmender Spieldauer besser und besser wird. Wenn die Protagonisten nicht mal mehr ruhigen Schlaf finden können (und schon gar nicht ohne Revolver in der Hand) weil jeder von ihnen jederzeit damit rechnen muss von seinen Kollegen verraten und/oder erschossen zu werden, entwickelt sich ein beklemmendes Psychospielchen, was durch seine großartigen Darsteller Brat Pitt, Casey Affleck und Sam Rockwell jeden Liebhaber von großen Schauspiel mit der Zunge schnalzen lässt.

Ich kann nicht sagen, wann Casey Affleck er ein so guter Schauspieler geworden ist, aber vor allem er ist so verdammt stark darin, die Gefühlslage von Robert Ford gegenüber Jesse James von kindlicher Bewunderung über Frustration des ständigen Spotts und Ablehnung in (Selbst-)Hass sehr pointiert und graduell darzustellen, dass es jederzeit völlig authentisch wirkt. Eine Oscarnominierung für diese Leistung wäre verdient und keine Überraschung. Sam Rockwell spielt gekonnt solide, auch wenn er erneut nicht von den leicht verrückt anmutenden Charakteren wegkommt. Ich würde ihn gerne mal in etwas anderen Figuren sehen, was nicht bedeuten soll, dass seine Leistung hier eintönig und wiederholt erscheint. Brad Pitt verdient nach seiner bisher besten Karriereleistung in „Babel“ ebenfalls erneut höchstes Lob für die Jesse James Verkörperung. Die Figur ist nicht mit allzu viel Dialog ausgestattet was es notwendig machte, den langsamen Seelenzerfall mit seiner Gestik und Mimik anzuzeigen, was ihm durchgehend gekonnt gelingt. Vor allem seine letzte Szene in der Jesse realisiert, dass er das Vertrauen seiner Untertanen vollends verloren hat, spielt er auf den Punkt genau zutreffend.

Die Kameraarbeit von Roger Deakins ist gewohnt auch höchstem Niveau und trägt einen großen Teil zur Stimmung des Films bei. Ausstattung und Filmmusik bewegen sich auf ähnlicher Stufe, was dem Film nicht wenige Preise und Nominierungen bescheren sollte. Insgesamt schrammt „The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford“ nur ganz knapp an meiner Höchstwertung vorbei. Im Nachhinein hätte ich mir gewünscht, dass der Film sich etwas mehr auf Jesse James konzentriert und dessen Seelenleben beleuchtet. Aber vielleicht wäre dann auch etwas vom Mysterium der Person und somit der Filmgrundlage verloren gegangen. Der Film erscheint mit seinen insgesamt 160 Minuten nicht zu lang und scheut auch nicht davor zurück einen kleinen aber notwendigen Epilog zur Figur des Robert Ford anzuhängen, der verdeutlicht, dass sich unsere Welt in etwa 120 Jahren weniger verändert hat als manch einer denken mag.