Tauschte Schwert gegen Schusswaffe und einen Haarschnitt: Viggo Mortensen in "A History of Violence"

Tom Stall : Viggo Mortensen
Edie Stall : Maria Bello
Carl Fogarty : Ed Harris
Richie Cusack : William Hurt

Directed by David Cronenberg; screenplay by Josh Olson, based on the graphic novel by John Wagner and Vince Locke; cinematography by Peter Suschitzky; edited by Ronald Sanders; original score by Howard Shore; production designed by Carol Spier

VON DENNIS EBERT

Bin ich das was ich zu sein scheine oder zu sein möchte? Diese Frage wurde schon oft in Filmen gestellt und mal besser, mal schlechter in dramatischem Filmstoff gelöst. Auch Viggo Mortensen muss sich in David Cronenbergs durchwachsendem "A History of Violence" mit dieser Thematik auseinandersetzen. Der scheinbar durchschnittliche Familienvater Tom Stall (Mortensen) führt ein ruhiges Leben in seinem kleinen Heimatstättchen, bis eines Tages zwei Gangster dessen Diner überfallen. Tom wird zum Held in dem Örtchen als er die beiden in einem Handgemenge überwältigen kann und erschießt. Seine Tat bleibt nicht ohne Folgen und zieht mehr Kriminelle in die Stadt: am nächsten Tag besucht ihn ein angeblich alter Bekannter (Ed Harris) der ihn aus einer gemeinsamen Vergangenheit und unter dem Namen Joey Cusack zu kennen scheint…

Ich mag es wenn ein Film mich lange auf die Folter spannen kann und ich nicht schnell in der Lage bin dessen Absichten zu durchschauen. Leider nimmt mir Cronenberg diese ganze Freude nur allzu früh und löst das einzig sehr Interessante des Films, Toms Identitätskrise, nach etwa einem drittel Spielzeit auf. Toms Katz und Maus Spiel mit dem wie immer großartigen Ed Harris nimmt ein zu abruptes Ende das ihn im weiteren Verlauf des Films in eine scheinbar endlose Spirale der Gewalt und seiner Vergangenheit führt. Wir sehen wie diese Gewalt Toms Familie, seine Ehe und insbesondere dessen Sohn beeinflusst, über eine oberflächliche Betrachtung hinaus kommt es aber nicht. Je weiter der Film voranschreitet macht es Cronenberg deutlich, wie stark Gewalt und Brutalität von jemandem Besitz ergreifen können, wie Alkoholismus: einmal davon gepackt lässt es einen ein Leben lang nicht mehr los. Der Regisseur setzt dabei auch auf eine extreme grafische Darstellung von zerschossenen Körperteilen, die nicht wirklich der Geschichte dienen wie sie es in anderen seiner Filme tun. Immerhin ist es ein bekanntes Markenzeichen des Regisseurs von "The Fly" und "Videodrome". In Cronenbergs letzten und besseren Film "Spider", behandelt er eine ähnliche Thematik wie "A History of Violence". Der Schizophrene Dennis Cleg gespielt von dem einzigartigen Ralph Fiennes erlebte eine Kindheit bestehend aus Gewalt und Hass und führt uns allmählich zu der Ursache seines Geisteszustandes. Wohlweislich wurde hier auf eine überfrühte Auflösung des Spannungsbogens verzichtet und macht den Film dank des tollen Spiels seines Hauptdarstellers zu einem Schaubild menschlicher Grausamkeit.

Auch wenn "A History of Violence" nicht lange im Gedächtnis verweilen wird und nur als mittelprächtiger Thriller überzeugen kann, ist es doch schön zu sehen, dass Viggo Mortensen mal wieder was Vernünftiges spielt. Seine Fähigkeiten blitzten hier und da in Peter Jacksons Ringe Trilogie auf, nun beginnt er das langsame Wachstum zu einem besseren Schauspieler. Maria Bello ist mir zum ersten Mal als Freundin von Bill Macys Charakter in Wayne Kramers sehr sympathischen "The Cooler" aufgefallen. Wenn sie weiterhin ihre Rollen sorgfältig auswählt, kann aus ihr mal was Besonderes werden. Abschließendes Lob bleibt natürlich für den Mann, der nicht oft genug gelobt werden kann: Ed Harris. Seit "Apollo 13" spielt er eigentlich nur noch kleinere Rollen (ausgenommen seine eigene Biographieverfilmung "Pollock"), die aber alle Oscarwürdig sind. Seine Präsenz und sein Können überstrahlen fast alle anderen Darsteller die in seinen Filmen mitspielen. Wer nicht weiß wovon ich spreche sollte sich zwei seiner letzten Filme, "The Human Stain" und "The Hours", sowie auch den gerade besprochenen ansehen. Dann wissen Sie, was ich meine.

Nachtrag vom 15.01.2006 (Revisit):

Der Film hat mich eine ganze zeitlang nicht losgelassen und ich habe ihn doch faszinierender gefunden als ursprünglich gedacht. Irgendwas schien ich übersehen zu haben, aber was? Heute habe ich mir den Film ein zweites Mal angesehen und es war eine völlig andere Erfahrung.

Wer den Film noch nicht gesehen hat und ihn noch jungfräulich sehen möchte, sollte jetzt bitte aufhören zu lesen.

Die große Identitätskrise von Tom Stall die ich beim ersten Sehen von "A History of Violence" erwartet habe ist überhaupt nicht die zentrale Problemstellung von Cronenberg. Es gibt gar keine Krise. Tom ist sich von Anfang an (natürlich) bewusst, dass er Joey Cusack ist: ein ehemaliger organisierter Krimineller mit einer Lebensgeschichte bestehend aus Mord und Totschlag (wie der Titel vermuten lässt). Irgendwann ist ihm die ganze Sache zu Kopf gestiegen und wollte nur noch raus, ein neues Leben beginnen. Das hat er auch geschafft, bis ihn der Überfall in seinem Diner wieder die Aufmerksamkeit von seinem alten Leben beschert. Frühere Kollegen tauchen auf und ziehen Tom wieder in ihren Bann. Seine Bitten ihn in Ruhe zu lassen stoßen auf taube Ohren, die Situation eskaliert: Gewalt erzeugt Gegengewalt. In den letzten Szenen versucht Tom frieden mit seinem Bruder Richie zu finden, einen von vielen Gangsterbossen der Ostküste Amerikas, doch dieser kann ihm nicht verzeihen. Toms Taten haben Richie in der Vergangenheit zu viel gekostet, seinen Ruf und Stand geschädigt. Der Teufelskreis beginnt erneut: Richie versucht Tom zu ermorden, das Gegenteil wird der Fall.

"A History of Violence" ist ein kleiner großer Film über die Ausweglosigkeit von Gewalt. Er erzählt die Geschichte eines Mannes, der zu einem Zeitpunkt im Leben den falschen und unrechtmäßigen Pfad eingeschlagen hat und scheinbar auf ewig dafür bezahlen muss. Die Frage ist: hätte es nicht zu einer weiteren Notwendigkeit für Gewalt in Toms Leben kommen müssen wenn er sich nur ein bisschen mehr bemüht hätte oder war die Anstrengung generell vergebens? Fragen die wir uns heutzutage auch stellen sollten.