Frankie Dunn : Clint Eastwood
Maggie Fitzgerald : Hilary Swank
Eddie Scrap-Iron Dupris : Morgan Freeman
Directed by Clint Eastwood; screenplay by Paul Haggis; based upon short story "Rope Burns" by F.X. Toole; music by Clint Eastwood; cinematography by Tom Stern; edited by Joel Cox
VON DENNIS EBERT
Das Wichtigste was man sich als Filmemacher in Hollywood verdienen kann ist Freiheit. Die Freiheit, Filme nach der vollständig eigenen Vision drehen zu dürfen. Nur wenigen Regisseuren unserer Zeit ist diese Ehre zuteil, spontan fallen da einem David Lynch, Stanley Kubrick und Robert Altman ein. Selbst dem großartigen Martin Scorsese, welcher sich zuletzt in übergroßen Projekten wie "The Aviator" und insbesondere "Gangs of New York" leicht unsicher zeigte, merke man sichtlich an, dass ihm doch ab und zu allzu genau auf die Finger geschaut wurde. Zurück zum Mainstream findet auch Steven Spielberg immer wieder, in seinem Fall wohl eher aus persönlichen Geschmacksgründen. Seine letzten Filme wie "Saving Private Ryan", "Minority Report" und "A.I." hatten alle das Potential zum Meisterwerk und doch weicht er jedes Mal in letzter Minute von einem konsequenten Ausgang ab und lässt seine Werke gekünstelt erscheinen.
Fernab von jeglicher Hollywoodpolitik und Verbindlichkeit gegenüber dem gemeinen Kinogänger, drehte Clint Eastwood im letzten Jahr völlig unscheinbar seinen neuen Film "Million Dollar Baby". Entstanden mit einem Budget von 30 Millionen Dollar und abgedreht in etwa einem Monat, veröffentliche er seinen Film im Dezember in nur wenigen Kinos von Los Angeles. Eastwood verließ sich nicht auf eine aufgeblasene Werbekampagne sondern ließ den Film für sich selbst wirken: die Qualität von "Million Dollar Baby" sprach sich herum und erweichte sogar die mittlerweile hart gekochte Oscarjury, welche zuletzt nur Augen für monumentale Schlachtenepen und seichte Musicalverfilmungen hatte. Und das obwohl einem die Synopsis des Films doch schon einigermaßen vertraut erscheint. "Million Dollar Baby" erzählt die Geschichte der 31-jährigen Maggie Fitzgerald (Hilary Swank) und ihrem Traum Boxprofi zu werden. Unterstützung dazu sucht sie in der Boxbude des herbstlichen Frankie Dunn (Clint Eastwood), welcher aber Frauenboxen grundsätzlich sinnloses Unterfangen ansieht und sich kategorisch weigert, Maggie zu trainieren. Unterstützung findet Maggie in Frankies Freund Eddie Dupris (Morgan Freeman), welcher auch zugleich im Gym als Hausmeister tätig ist und den Laden in Schuss hält. Trotz anfänglicher Skepsis und dank Maggies unerschütterlichem Eigensinn gelingt es den beiden dennoch, Frankie von seiner ursprünglichen Meinung abzubringen. Es entsteht ein einzigartiger Beziehungsbund welcher von der Eigentümlichkeit des Schicksals fundamental geprüft wird.
Um das Filmerlebnis nicht zu schmälern, ist es leider nicht möglich viel mehr über die Handlung Preis zu geben. Es sei soviel festgehalten, dass der Film sich der Darstellung dreier Boxer bedient um grundlegendste Fragen zwischenmenschlicher Beziehung und der eigenen Existenz zu thematisieren. Dabei kommt "Million Dollar Baby" dem Ideal des perfekten Films extrem nahe und trägt keine überflüssigen Pfunde an sich. Jede Szene und Einstellung ist absolut notwendig und meisterhaft inszeniert um die Geschichte behutsam entwickeln zu lassen. Clint Eastwood nimmt sich hier, wie auch schon im Edelwestern "Unforgiven" oder der Milieustudie "Mystic River", die Zeit, seine Protagonisten aufs Genauste zu beobachten. Dort liegt die ganze Stärke in Eastwoods Regieleistung und somit auch des gesamten Films: er lässt beim Zuschauer eine tiefe Verbundenheit mit den Personen entstehen. Wir lernen dass Frankie irgendwo noch eine Tochter hat die nichts mehr von ihm wissen will, da er mit bedrückter Miene seine Briefe an sie unbeantwortet wieder zurückbekommt und bei Maggies Fragen über seine Familienverhältnisse verborgen zwar aber dennoch sehr defensiv und fast panisch reagiert, bloß um der unangenehmen Situation ausweichen zu können. Dem aufmerksamen Zuschauer wird somit schnell klar, dass in Frankie einige Dämonen der Vergangenheit wüten und gar nicht großer Darstellung bedürfen sondern völlig ausreichend nur mit leisen Tönen angespielt werden. Eastwoods subtiles Spiel darf dabei nicht im Schatten von Hilary Swanks Glanzleistung untergehen. Selten genug kann man sehen, dass in dem ansonsten auf Dirty Harry oder Westernrollen reduzierten Filmemacher auch ein sehr fähiger Schauspieler steckt. Hier trägt er zur großen Wirkungskraft von "Million Dollar Baby" maßgeblich bei.
Im Verlauf des Films wird Maggies hoffnungslose Vergangenheit und Familie beleuchtet. Diese machen es handfest deutlich, wie überlebenswichtig ein Traum ist an dem man sich halten kann, welcher einen mit ausreichend investierter Willenskraft aus der dunklen Wahrheit der Realität entreißen kann. Die Alternative wäre nur eine Resignation in Bedeutungslosigkeit. In letzter Instanz ist "Million Dollar Baby" also ein Film über Wunsch und Vollzug der eigenen und vollkommene Selbstbestimmung, diese Tatsache lässt einen sehr nachdenklich stimmen. Die letzten zwei bis drei Minuten des Films mit Scraps Begleitkommentar (und Morgan Freemans wundervoller Stimme) befähigen uns noch mal einen Rückblick auf das Geschehene aus einer völlig anderen Perspektive und verpasst dem Ende einen bittersüßen Beigeschmack, den man für eine lange Zeit nicht vergessen wird.
Zusammen mit "Mystic River" hat Eastwood nun die jeweils besten Filme der letzten beiden Jahre gedreht und befindet sich mit 74 Jahren auf dem absoluten Höchstpunkt seiner Karriere. Das Folgeprojekt steht auch schon fest: "Flags Of Our Fathers" wird 2006 für das Haus Dreamworks erscheinen. Wir können von Glück reden, dass Spielberg dann "nur" Produzent ist.

