Auf der Suche nach ihrer Identität: Rita (Laura Elena Harring)

Betty Elms/Diane Selwyn : Naomi Watts
Rita/Camilla Rhodes : Laura Elena Harring
Adam Kesher : Justin Theroux
Coco Lenoix : Ann Miller
Detective Harry McKnight : Robert Forster
Vincenzo Castigliane : Dan Hedaya

Written and directed by David Lynch; music by Angelo Badalamenti; cinematography by Peter Deming; edited by Mary Sweeney; production designed by Jack Fisk

VON DENNIS EBERT

Selten wird dem Kinogänger so viel abverlangt wie in David Lynchs neuem Film "Mulholland Drive." Allen voran Geduld. Das Geflecht aus scheinbar nicht zusammenhängenden Handlungssträngen wird erst gegen Ende des Films aufgelöst. Oder doch nicht? Was wir auf der Leinwand sehen scheint zu keinem Zeitpunkt 100%-ig die Realität zu sein. Angefangene Handlungen werden einfach abgebrochen, eingeführte Charaktere erscheinen nur einmal und tauchen dann nie wieder auf. Man könnte meinen man befindet sich in einen Traum - sie hinterlassen uns scheinbar unlösbare Rätsel und regen uns zum nachdenken an. Genau das ist wohl die Intention von Regisseur David Lynch, der es schon mit "Twin Peaks" bestens verstanden hat, die Zuschauer an der Nase herumzuführen. Er verdreht unseren Verstand bis wir selber nicht mehr wissen was wir nun glauben sollen. Kameramann Peter Deming verwendete bewusst einen sehr dokumentarischen Aufnahmestil, stets bemüht um möglichst viel Objektivität. Lynch selber besetzte seine Hauptrollen mit unbekannten Schauspielern um dem Zuschauer möglichst wenig Orientierung zu ermöglichen. Daher gestaltet sich die Schilderung der Story von "Mulholland Drive" als umso schwieriger.

Nach einem Autounfall verliert eine namenlose Frau (sie nennt sich Rita aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit Rita Hayworth) ihr Gedächtnis. Ziellos streift sie durch die Straßen von Beverly Hills, bis sie schließlich Unterschlupf bei Betty findet. Betty (Naomi Watts in einem bewerkenswerten Debüt) ist mit dem Traum einer Schauspielkarriere nach Los Angeles gekommen und verbringt die Übergangszeit im Haus ihrer Tante die momentan nicht im Lande ist. Zusammen machen Sie sich auf um die Identität von "Rita" aufzuklären. Währendessen lernen wir einen jungen Regisseur namens Adam Kesher kennen, der von der Mafia unter Druck gesetzt wird, seine Hauptdarstellerin in neuesten Film gegen deren Wunschkandidatin auszutauschen. Aufgrund seiner Überzeugung weigert er sich zunächst, was weitreichende Konsequenzen zu folge hat...

Das ist das Grundgerüst der Story, wie es jeder wiedergeben könnte, der den Film gesehen hat. Was darüber hinausgeht, spielt sich ganz individuell im Verstand des einzelnen Zuschauers ab. Und darin liegt auch die noch nie zuvor da gewesene, einmalige Genialität von "Mulholland Drive." Jeder strickt sich die ersichtlichen vorhandenen Zusammenhänge zwischen den Handlungsfäden im Geiste selber zusammen. Es gibt keinen fest vorgelegten Sinn in der Story, sowie es auch keine feste Erklärung für das Gesehene gibt. Ich kann nur sagen, was der Film für mich bedeutet hat. Ein düsterer und entzaubernder realistischer Traum von einem Hollywood, wie es wirklich ist. Die Vorstellung der naiven Betty über die Traumwelt des Kinos, ist nicht Existent (ganz nach dem Motto der 50-iger Jahre: "Get on a bus and become a movie star!"). Ihre Bereitschaft, "Rita" zu helfen, ist nur der verzweifelte Versuch, ihre eigene Identität in Hollywood zu finden. Ihre Gutmütigkeit zieht sie nur weiter in den Strudel der grausamen Wirklichkeit, aus der sie zum Schluss keine Chance mehr auf Entkommen sieht.

Meine Einschätzung mag völlig falsch sein. Aber wiederum ähnelt auch kein Traum dem anderen, geschweige denn dem eines anderen Menschen. Ob man "Mulholland Drive" jetzt einfach als sinnlose Aneinanderreihung von Ereignissen oder als verstörende Ode eines Exzentrikers an eine nicht mehr existente Traumwelt ansieht, bleibt jedem selbst überlassen. Ich träume mit David Lynch seinen (Alb-)Traum von Hollywood, wo die Wahrheit deutlicher zu sehen ist als in der Wirklichkeit.

P.S.: Das ist eine "alte" Kritik von mir vom 05.01.2002 und ohne große Interpretationsversuche. Mittlerweile habe ich den Film aber durchschaut ;)